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Öko-Bestattung aus Schweden – Glanzstücke aus der Schweiz:
Aus 75 Kilo Leiche werden 25 Kilo Dünger – oder ein Diamant

Susanne Wiigh-Mäsak hat ein Tabu-Thema salonfähig gemacht: die Bestattung ohne Umweltbelastung. Das Ziel der Biologin ist die harmonische Wiedereingliederung des Verstorbenen in den Kreislauf der Natur – oder anders gesagt: seine Kompostierung. Ihr Verfahren dazu lässt sich als „gefriertrocknen und zerkleinern“ beschreiben und gilt als Innovation auf dem Gebiet der Bestattungstechnologie.

Seit zwei Jahrzehnten befasst sich Wiigh-Mäsak mit der Kompostierung organischen Materials. Angefangen hat sie mit der Zersetzung von Tüten und Tellern aus Maisstärke. Heute hat die 52-jährige menschliche Leichen zu ihrem Geschäft gemacht. Doch pietätslos ist die blonde Wissenschaftlerin beileibe nicht: Sie lebt im Einklang mit der Natur, wohnt mit ihrer Familie auf der kleinen Insel Lyr vor der Südwestküste Schwedens und betreibt dort den einzigen und mit mehreren Preisen ausgezeichneten Obst- und Gemüseladen – mit Produkten aus ökologischem Anbau.

Ökologisch ist auch Ihr zukunftsweisendes Bestattungsverfahren: Anders als übliche Technologien, verwandelt Wiigh-Mäsaks Verfahren den toten Körper wieder zu Erde. Der Leichnam verrottet nicht über Jahre hinweg, verbrennt nicht in Sekundenschnelle. Er hinterlässt keine Rückstände und Gifte und belastet weder Böden noch Meere bei einer eventuellen Seebestattung. Zudem reduziert sich der Einsatz fossiler Brennstoffe.

Schockgefrieren, pulverisieren, trocknen

Die ökologische neue Bestattungsalternative, genannt Promession, verzichtet auf die Einbalsamierung des Körpers mit Formalin und hält ihn damit biologisch „rein“. Der Tote wird zunächst auf minus 18 Grad Celsius heruntergekühlt. Anschließend in minus 196 Grad kalten flüssigen Stickstoff getaucht, ist der Leichnam schockgefroren – und brüchig wie Glas. Schallwellen in einer Vibrationskammer lassen den Körper dann in grobes, geruchsfreies Pulver zerfallen. Ein Verfahren, das viele in vereinfachter Form aus dem Chemie-Unterricht kennen: Es gehört zu den beliebtesten Experimenten, wenn der Lehrer eine schockgefrorene Rose oder Banane klirrend vor den Füßen der Schüler zerspringen lässt.

Damit das Pulver als Dünger einsetzt werden kann, muss ihm in einem weiteren Schritt die Flüssigkeit entzogen werden: In einer Vakuumkammer trocknen die pulverisierten menschlichen Reste. Zum Schluss noch befreit von Fremdstoffen wie Zahnfüllungen, künstlichen Gelenken, Herzschrittmachern und anderen, bleiben von einem 75 Kilo schweren Menschen noch rund 25 Kilo graurosa Granulat übrig. Dieses muss nur 30-40 Zentimeter tief begraben werden. Und ist in sechs bis zwölf Monaten komplett zu Humus abgebaut.

Diamant statt Dünger

Wer statt zu Kompost lieber zum bleibenden Juwel werden möchte, kann sich nach seinem Tod auch in einen Diamanten verwandeln lassen: Das schweizerische Unternehmen Algordanza mit Sitz in Chur fertigt aus der Asche von Toten zertifizierte und geschliffene Erinnerungsdiamanten. Das Glanzstück für die Hinterbliebenen kostet bis zu 15.000 Euro und kann auch per Vorsorge zu Lebzeiten schon bestellt werden. Der Weg vom Tod bis zum Schmuckstück dauert mehrere Wochen: Ist die Kremationsasche in Chur angekommen, bestimmt Algordanza ihren Kohlenstoffgehalt, trennt die Asche von anorganischer Materie und verwandelt den extrahierten Kohlenstoff – mindestens fünf Gramm müssen es sein – in Grafit. In dieses wird ein Startkristall eingebettet, um den unter konstant zunehmendem Druck und steigender Hitze langsam ein Diamant wächst. Bis zu einem Karat kann das bläulich schimmernde Juwel erreichen.

Dass nicht nur die Schweizer Präzisionsarbeit leisten, sondern auch die Schweden genau wissen, was Erfolg verspricht, beweist Wiigh-Mäsaks liebevoll gepflegter Garten: Dort steht unter anderem ein prächtig blühender Rhododendron – genährt vom Humus ihrer verstorbenen Katze Tussan. Für Wiigh-Mäsak ist dies das schönste Zeichen, einem geliebten Verstorbenen ein Denkmal zu setzen: kein kühler Stein, sondern eine von seinen Molekülen genährte Pflanze auf seinem Grab. Sie selbst möchte eines Tages in einem weiß blühenden Rhododendron aufgehen.

Weltweit geplant: „Promatorien“

Trotz zahlreicher kritischer Stimmen setzt sich die Öko-Bestattung langsam durch: Die südschwedische Stadt Jönköping baut bereits ein Krematorium zu einem „Promatorium“ um und kann dann die getrockneten Überreste, gebettet in einen Sarg aus Maisstärke, Filz oder einem anderen Naturmaterial, verbrennen. Und das bei einem wesentlich geringeren Verbrauch an Energie und nur minimalen CO2-Ausstoß im Vergleich zum Verbrennen eines unbehandelten Körpers – der zu 70% aus Wasser besteht. Auch kann Jönköping dank des schadstoffarmen Granulats bei der teuren Filtertechnologie sparen. Noch im diesem Jahr sollen Promatorien in Schweden, Deutschland, Großbritannien, Süd-Korea und Süd-Afrika in Betrieb genommen werden.

Bereits in 36 Ländern patentiert, hat Susanne Wiigh-Mäsak ihr Patent nun der Promessa Organic AB in Nösund überschrieben, einer von ihr selbst gegründeten Aktiengesellschaft. Die schwedische Kirche hält übrigens fünf Prozent der Promessa Anteile. Gemäß dem Trend übertreffen sich auch die schwedischen Designer mit kuriosesten Entwürfen für ökologisch abbaubare Minisärge, deren Moleküle eines Tages samt ihrem menschlichen Granulat-Inhalt zu Rose, Rhododendron & Co. werden sollen. Bleibt nur noch die Frage: Lebst Du noch oder blühst Du schon?

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