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Schließen Sie die Augen. Und stellen Sie sich die ideale Welt vor: ohne Gewalt, Mord und Raub, ohne Krebs, HIV & Co., ohne Drogen. Alle lieben sich. Immer.

Und? Was sehen Sie?

ZEIT-Kolumnist Harald Martenstein weiß es: ein Riesenheer aus arbeitslosen Juristen, Ärzten und Sozialarbeitern. Psychiater, Paartherapeuten, Bestatter, Altenpfleger ohne Job; und wenn es keine gesellschaftlichen Probleme, keine Verbrechen und keinen Liebeskummer mehr gibt, konstatiert Martenstein, dann gibt es auch für die Autoren keine Stoffe mehr. 

Die Welt ist ein verdammtes Jammertal und der Mensch eine Fehlkonstruktion! Nur deswegen existiert die Hälfte aller Jobs. Das Unglück hat also Vorteile: Es verhindert die größte Wirtschaftskrise aller Zeiten. Doch Störfälle und Unheil werden weniger. Sagt ein Anwalt, der jugendliche Delinquenten verteidigt. Ob’s stimmt? Und wenn ja: Ist’s Glück, ist’s Unglück? Das sieht jede Berufsgruppe wohl anders. 

Der Stoff für Geschichten geht mir jedenfalls noch lange nicht aus. 

Ich muss mich nur in die Schlange der Supermarktkasse stellen. Gespräche hinter mir aufschnappen, in den Einkaufswagen vor mir linsen. Schnuppern. Schon ist der übergewichtige, karniovore Psychopath mit Lungenkrebs geboren, der die Nächte einsam in einem feuchten Kellerkabuff verbringt, sein Badezimmer in ein Playboy-Depot umfunktioniert hat – und sich allem Klischee zum Trotz als genialer Physiker entpuppt. Er hat nämlich so einen Einstein-Blick, wenn er sich misstrauisch zu mir umdreht.

Oder ich setze mich ins Straßencafé. Oder fülle mein Notizbuch auf Zugfahrten. Wie manche Zeitgenossen sich dort hemmungslos prostituieren, das könnte kein Filmdrama, keine Slapstick-Komödie glaubhafter darstellen. Singen, Saufen, Handyspielen. Lautstark versteht sich. Ohne Rücksicht, ohne Scham. Von den Schulden des Ex bis zum Schamlippen-Piercing der Chefsekretärin: Man erfährt viel im ICE. Ob man will, oder nicht.

Das wäre wahrlich ein Unglück. Wenn …  Ja wenn da nicht überall diese herrlichen Typen und Themen für die schreibende Zunft lungerten. Der Stoff, der Supermarkt-Wartezeiten auf gefühlte 30 Sekunden verkürzt. Und aus der tödlichsten Bahnfahrt die lebendigsten Geschichten werden lässt.

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