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Meine Nachbarn sehe ich nur im Sommer. Da grillen sie. Schräg von oben kann ich in ihren Innenhof gucken, von der Dachterrasse aus, durch die Lücke in der roten Steinmauer.

Gestern hatten sie Besuch.

14 Uhr. Der Hausherr quält sich aus dem Hintereingang der Garage in den Hof. Glatze, weißes Doppelripp-Unterhemd, kurze Hose mit Palmenmuster, Badelatschen. Vor sich her schiebt er eine unglaublich fette Wampe – und Johnny.

Johnny ist ein eckiges schwarzes Monster mit aufklappbarem Verdeck, Fronttüren, einem silbernen Umlauf und Tausenden von Knöpfen. Ein Webergrill. 120 kg schwer. 14,3 KW Nennleistung. 25 Jahre Garantie. Aus Amerika. Da war Herr Wampe zwar noch nie, aber die Amis, die wissen eben noch, was Lebensart heißt. Das hat er mir kürzlich erklärt, beim Bäcker ums Eck, während ich mein Frühstücksbrötchen kaufe und er drei Tüten Puddingschnecken und Mohnstriezel in den Trolli stopft. Für meine Frau, grinst er. Mein süßes Plunderteilchen.

14:45 Uhr. Johnny ist eingeparkt. Vor der Nordwand. Edelstahl- und Seitenbrenner sind poliert, IR-Brenner und E-Motor für den Drehspieß inspiziert. Nur mit dem „Flaworiezer“, diesem Aromadings, mit dem hat’s letztes Mal schon nicht so geklappt. Damals war auch die Schwiegermutter zu Besuch. Die Olle, die ist gegen das Aromadings, vertraut er mir an, so tief von innen. Deswegen ist das Ding verreckt. Ich hab so was im Blut.

15:15 Uhr. Aus dem Haus kommt eine dürre Alte. Das ist sie. Die Schwiegermutter. Für eine Sekunde fühle ich mit Wampe: Ihr Blick legt mehr als nur ein Aromadings lahm. Der Alten folgt Plunderteilchen. Deren Gewicht dürfte nur knapp unter Johnnys liegen. Plunderteilchen trägt Ausschnitt: ein hellgrünes Kleid mit Puffärmeln, das den Blick auf wassermelonengleiche Brüste freigibt. Zumindest aus meiner Perspektive von schräg oben. Aber das ist ja auch gemein.

Anti-Aromadings und Plunderteilchen schleppen Schüsseln heraus. Gefühlte eine Million. Kompanietauglich. Es folgen bunte Spieße. Fleischberge. Bratwürste, für die mindestens drei Rinderherden ihr kurzes Leben lassen mussten. Da wird kein Millimeter der 3811 cm2 Gesamtgrillfläche verschenkt. Sie arrangieren alles auf Tabletts, mischen Salate und rühren in cremigen Sahnemassen. Drei Tagen müssen die das in der Küche vorbereitet haben. Mindestens.

Dann bauen die Damen Biertische und -bänke auf. Wampe fläzt derweil im Liegestuhl, nuckelt an einer Bierflasche und liebkost Black Johnny mit liebevollen Blicken. Darf er ja. Immerhin hat er zwei Jahre keinen Urlaub gemacht, um „meinen kleinen Johnny“ kaufen zu können. 2350 Euro. Aber er hat auch kein Auto mehr, nur noch den Wohngwagen. Abwrackprämie. Sie wissen schon. Er zwinkert mir zu. Der Wohnwagen heißt übrigens Billy. Ist aber nicht von IKEA.

17:10 Uhr. Der Innenhof füllt sich. Tante Jutta und ihre Cousine, Schwager, Bruder Jürgen, Nichte Nadine und Neffe Kevin mit Freundin Silja und ein namenloser Riesenrest. Einer baut ein Radio auf, und Plunderteilchen lässt ihre Melonen im Rhythmus von Nana Mouskouri hüpfen. Ein Schiff wird kooooommen … Ich gehe rein. Kaffee machen. Und überlegen. Wie das Schiff durch das 600 Jahre alte Hoftor passen soll. Und welches physikalische Gesetz das noch gleich war, dessen Gewalt Plunderteilchens schwingende Hüftmassen in den nächsten Minuten an die Wand klatschen lassen würde. Oder gegen Johnny. Aber der würde das verkraften. Doppelwandiger Deckel, versenkter Einbau, Seitenteile aus Aluminiumguss. Stabiler als jeder Panzerkreuzer.

18:00 Uhr. Wampe eröffnet die Feier. Was Offizielles also: sein Bruder Jürgen wird 50. Zu seinen Ehren hat Wampe nun ein T-Shirt übergezogen. Darüber spannen sich die Worte „Grillmagier at work.“ Ob der das überhaupt aussprechen kann?

Die Meute wird hungrig. Und Wampe macht den Grillmagier. Das muss er. Als echter Kerl und Herr über Johnny sowieso. Er greift zum Buffet und legt Steaks auf Johnnys Grillrost mit 9,5 mm starken
Stäben. In der rechten Hand die Zange. Links eine frische Bierflasche.

Anti-Aromadings und Plunderteilchen reichen Sekt. Das gefällt mir jetzt gar nicht. Mir ist gerade so schön nach Klischee-Entlarven. Nicht zerstören. Vielleicht ist aber einfach nur das Bier alle, weil der röhrende Hirsch auf dem kreuzstichgestickten Bild keinen Bock mehr auf Zinnkrüge hatte und heimlich mal ein paar handfeste Flaschen über den Durst gehoben hat.

18:30 Uhr. Der Geruch nach Gebratenem steigt herauf. Nein, nicht verführerisch. Ich bin Vegetarierin. Plunderteilchen dreht die Musik lauter. Schauuu mich bitte nicht so aaaan … Ne, mache ich nicht. Das wäre jetzt wirklich garstig von mir, bei dem Melonentanz da unten. Dafür fällt’s mir ein: Es ist einfach die Fliehkraft, die Plunderteilchen mit Johnny vereinen wird. Ich riskiere einen Blick, man weiß ja nie, was einem sonst entgeht. Grillmagier wendet Fleisch, piekst in eine zischende Wurst, klopft Jürgen auf die Schulter und brüllt durch griechische Gesänge, dass sein Bier leer ist. Der Übergang von der semantischen zur pragmatischen Bedeutungsebene funktioniert nicht nur linguistisch perfekt: Plunderteilchen watschelt mit einer neuen Flasche herbei. „Bring noch Teller“, lautet sein Dank. Schauuu die Leute rings umheeeeer, sie wundern sich schon seeehr …

So geht das bis in die Nacht. Grölen, Tanzen, Brutzeln. Grillmagier flirtet mit Johnny. Doziert über das Snap-Jet Zündsystem. Ordert Bier bei der Gattin. Und erklärt Anti-Aromadings, dass den „Flaworiezer“ sowieso kein Schwein braucht. Nicht mal das Schwein auf dem Grill. Er verschluckt sich japsend am eigenen Witz und hält sich dabei die schwabbelnde Wampe. Meine Tochter hätte sich einen andern Mann suchen sollen, bemerkt Anti-Aromadings eisig. Plötzlich ist Ruhe. Die Gäste verabschieden sich schleunigst. Bis auf Jürgen. Der kotzt grad in den Blumenkübel. Weeer hat das gewollt

23:50 Uhr. Die Damen tragen schmutzige Teller und Besteck ins Haus, stapeln Bierkästen, klappen Bierbänke zusammen. Geschirrklappern dringt aus dem Haus. Wampe und Jürgen fachsimpeln lallen über Johnnys Pflege.

Dann erscheint Plunderteilchen, sammelt wortlos Servietten und Müll ein. Wampe wankt auf sie zu, tätschelt ihre Wange. Ist doch auch mal schön, nicht kochen zu müssen, Mäusezähnchen. Ich richte dir ein Bett auf dem Sofa, entgegnet sie, wirft den blauen Müllsack vor seine Füße und verschwindet im Haus.

„Weiber“, sagt Wampe zu Jürgen und hebt die Flasche. „Denen kann man nix recht machen.“ Sie prosten sich zu. Ave Mariiia …

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