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Zwischen dickem Mauerwerk und Holzbalken wuseln zehn Menschen herum. Zünden die letzten Kerzen am Christbaum an, verteilen Selbstgebackenes auf den vielen Tischen, heizen Waffeleisen an und füllen Kaffee in riesige Thermoskannen. Es ist viertel vor fünf, draußen ist es bereits dunkel, und durch den Spalt im Tor der alten Scheune sehen wir, wie sich dick eingemummte Gestalten im Nieselregen drängen.

Junge und Alte, Menschen, die alleine sind, nicht viel besitzen oder einfach einmal anders Heiligabend feiern wollen: Sie alle warten, bis wir – insgesamt 23 ehrenamtliche Helfer – punkt 17 Uhr die beiden großen Holzflügel öffnen und sie ein paar frohe Stunden mit lieben Leuten, Leckereien, Liedern und Lesungen in der Scheune der Diakonie verbringen können.

Der kleine Alex schlüpft als erster herein. „Ich bin der schlimme Finger“, grinst er mit glühenden Backen und streckt mir seine linke Hand entgegen. „Kennst Du mich noch?“ Und ob ich ihn kenne: Letztes Jahr hat er sich beim Toben zwischen den vielen Menschen verletzt, aber mit viel Vanille-Eis waren Blut und Tränen schnell getrocknet. Heute ist er offenbar nicht nur stolz darauf, sondern hat sich auch ein paar neue und durchaus mehrdeutige Sprüche angeeignet – ganz zum Leidwesen seiner Eltern. Sie gehören zu denen, die ihre Armut nicht verbergen. Aus allem das Beste machen. Und große Pläne für Alex haben.

Noch bevor ich nach dem neuesten Stand dieser Pläne fragen kann, tippt mir jemand auf die Schulter. Ich drehe mich um, sehe nach oben. Da ist sie: die „Bergfrau“. Wir nennen sie so, weil sie gefühlte fünf Meter hoch und in etwa genauso breit ist. Ihr riesiger Mund öffnet sich zu einer gigantischen Höhle, aus der ein kehliges Lachen dringt. Und ich weiß auch gleich, was sie möchte: einen zweiten Stuhl. Die normalen Holzstühle, aus denen ist sie längst rausgewachsen. So ruht sie schwer auf acht Beinen, vor sich drei Stücke Käsekuchen mit Sahne, strahlt, schweigt und isst – bis Maik mit seinem Rollstuhl an ihrem Bein hängen bleibt und im selben Moment seine Fluchtirade durch die zarten „Stille Nacht“-Geigentöne schickt. Wir grinsen. Same procedure as every year: Maik macht kehrt, rollt raus in den Regen, ohne Rücksicht auf Füße und Neuankömmlinge. 15 Minuten später ist er wieder da. Legt den Kopf schief und ist die Güte selbst. Genauso kennt ihn jeder aus dem Stadtbild: Tagein tagaus rollt Maik rückwärts durch die Gassen, parkt alsdann auf der Albbrücke, hieft sich bei der Nepomukstatue aus dem Rolli und turnt ein bisschen am Geländer. Ein Bild, das schon so manchen Touristen zu gut gemeinter „Hilfe“ veranlasst – unter harschen Maik-Worten aber schnell in die Flucht geschlagen hat. Sind die Gutmeiner hinter der nächsten Eck verschwunden, fährt Maik weiter. Guckt munter in die Gegend, grüßt die Ettlinger freundlich.

Seit 15 Jahren gibt es das „Offene Tor“ in Ettlingen. Anfangs feierten hier rund 30 Menschen und die Initiatorin Helma Hofmeister gemeinsam Weihnachten. Inzwischen sind es zwischen 150 und 170 – in Schichten. Und so manches Paar hat sich beim gemeinsamen Vertilgen von Süßem, Herzhaftem, Käse, Dessert, Saft, Punsch und Bratäpfeln schon gefunden.

Bis 22 Uhr gibt’s nicht nur alles, was den Leib stärkt, sondern auch die Seele: Live-Musik von Künstlern aus der Umgebung, Liedersingen, Gespräche, die Lesung der Weihnachtsgeschichte und zum Schluss ein Geschenk mit einem leckren Gaumenschmaus, Kaffee oder Tee, manchmal Einkaufsgutscheine und immer Spiele für die Kinder. Und wer Taxikosten oder einen langen Fußmarsch scheut, wird von uns abgeholt und wieder nach Hause gebracht. Finanziell möglich machen dies gemeinnützige Institutionen wie der Pfennigbasar, die Stadt mit „Ein Herz für Ettlingen“, lokale Banken und Firmen sowie private Sponsoren.

Ich stelle drei Teller mit dampfendem Braten auf den Tisch von Alex und seinen Eltern. „Aus  dem Alex wird mal was“, sagt der hagere Papa und legt den Arm um seinen Sohn. Mich würd’s nicht wundern. Mit Alex’ Papa nämlich lässt sich trefflich über Philosophie und Literatur diskutieren, und wenn er dabei immer schneller am Ärmel seines ausgeleierten Wollpullovers zupft, so kommt er garantiert gleich auf sein Lieblingsthema: Adorno. Die Mama schüttelt die strähnige Mähne. „Ich versteh das nicht, aber der Kerl schleppt immer wieder Bücher an. Ich les die Romane, er das hochgestochene Zeug. Iss jetzt, das wird kalt.“ Schulabschluss haben die beiden keinen. Der Papa putzt ab und zu in einer Stadtbibliothek, und an manchen Tagen liegen ein paar zerfledderte Schmöker für ihn neben der Herrentoilette. „Das macht die Frau Müller, die kennt mich halt. Der Chef weiß nix davon“. Der Papa zwinkert mir zu. „Aber der Alex“, sagen er und die Mama wie aus einem Mund und schaufeln sich Kartoffelsalat in den Mund, „der geht mal aufs Gymnasium“.

Es ist jetzt 19 Uhr, die Scheune berstend voll. Im Erdgeschoss und auf der Empore erzählen sich viele ihre Geschichten, finden Zuhörer, Gleichgesinnte. Der kleine Grauhaarige zum Beispiel. Er ist neu. „Wissense, mi Fraa isch vor drei Wochä gschdorbä“, sagt er zu mir „jetz ko isch endlisch emal raus“. Spricht’s, beugt sich zwischen ein paar Männern über einen Tisch, klopft mit den Knöcheln auf die Platte. „Leute, isch bin de Walder. Heule kann isch a schpäda noch“. Die Männer rücken kopfnickend zusammen, Walter ordert ein Bier bei mir, Minuten später gehört er dazu und das Stimmengewirr ist um einen nicht-ettlinger Dialekt reicher.

So ist es auch 2009 wieder eine bunte Zusammensetzung: Hauptsächlich Ettlinger, aber auch Gäste aus dem Raum Karlsruhe, der Pfalz und dem Pfinztal füllen den Raum. „Ettlingen ist nicht nur Vogelsang“, sagt einer der Ehrenamtlichen. Und auch außerhalb dieses exklusiven Wohngebiets steht die große Kreisstadt am Rande des Nordschwarzwalds für ein gehobenes Leben. Unter den knapp 40.000 Einwohnern haben es die 1100 „Hartzer“ plus zahlreichen Geringverdiener besonders schwer: Sie passen so gar nicht ins saubere Ettlingen-Klischee. Und viele schämen sich dafür.

Karsten zählt auch zu ihnen. Mit „Mädel“, seinem hinkenden Schäferhund, steht er vor der Scheune und zerknautscht eine leere Roth-Händle-Packung. Am Stehtisch lehnt auch Uwe, sein Rastazopf ragt unter der Pudelmütze hervor. Karsten und Uwe gibt’s nur im Doppelpack, und sie gehören zu den wenigen Besuchern, die keine feste Bleibe haben. Rein wollen sie nicht. Zu voll. Zu viel Sonnenseite. Sie stehen lieber im Regen. Darin haben sie Übung. Da fühlen sie sich wohler.

Tatsächlich reihen sich immer wieder „Sonnengäste“ unter die Gesichter. Dieses Jahr sind es zwei elegante Damen in herrschaftlicher Begleitung. Als sie punkt 20 Uhr in den Raum treten, wenden sich alle Blicke zum Tor. Schweres Parfüm mischt sich unter den Duft von Zimt und Bratensoße, goldener Lidschatten und Rouge wetteifern mit dem Leuchten der Kerzen. Herby, der sanftmütige, dünne Alte mit den drei Zähnen, verschluckt sich und muss husten. Ein andere lacht rau auf, dann geht das monotone Murmeln und Besteckklappern weiter. Eine der Damen trägt Pelz. Und sie ist überhaupt nicht amused, als ich sie freundlich bitte, ihre Jacke doch zu den andern an die Außengarderobe zu hängen. Der Raum platzt sowieso schon, zwischen den Stühlen ist auch ohne drüberhängende Jacken kaum noch ein Durchkommen. Sie stöckelt hinaus, und kaum sitzt die kleine Gruppe wenig später auf abfällig beäugten Notstühlen, ziehen die Damen pinkfarbene Handys mit rosa Anhängerchen aus zwei pailettenbesetzten Handtäschis und traktieren die Tasten mit designgestylten Fingernägeln. Die männliche Begleitung starrt wortlos im Raum herum. Als die Liederheftchen verteilt werden, verdreht die eine die Augen, und sobald der letzte Ton von „Oh Du Fröhliche“ verklungen ist, entfleuchen sie auch schnurstracks. „Wir wollten nur mal gucken“, klimpert die eine mit langen Wimpern.

Im Gewusel entdecke ich auch den namenlosen Jungen mit seinem kleinen Bruder. „Gib mir ein Bier“, fordert er. Nö, mache ich nicht. „Ey, ich bin sechzehn“. Klar. Seit Jahren. „Dann Wein“, blafft er. Nö. Auch nicht. Der übliche Disput. Schließlich gibt er sich mit Cola zufrieden, schleicht aber verdächtig oft Richtung gut bewachter Küchentür. Eltern sind keine dabei. Niemand weiß, woher die Knaben kommen, wohin sie irgendwann gehen, wie alt sie sind. Auf jeden Fall noch lange nicht 16.

Zwischendurch gehe ich eine Stunde ins Hospiz Arista hinüber. Es grenzt direkt an die Scheune. Im Eingangsbereich brennt die große Kerze. Nicht, weil Heiligabend ist. Sondern weil heute ein Gast seinen Weg zu Ende gegangen ist. An seiner Zimmertür steckt eine Getreidegarbe. Da wachen sie nun: das Licht und das Korn als Lebenssymbol – so lange, bis der Bestatter den Verstorbenen abholt und ein neuer Gast sein letztes Domizil beziehen kann. Das Zimmer wird nur wenige Stunden leer stehen.

Es ist still im Hospiz. Wie meist nachts. Tagsüber ist es ein wirklicher „Lebensraum“, in dem Menschen ihre letzte Zeit gemeinsam gestalten. Sie lachen, erzählen, weinen auch einmal oder schweigen – und die Atmosphäre der Geborgenheit und des Friedens ist greifbar. Einige Gäste haben heute auch in der Nacht Besuch. Andere sind alleine. Aber für alle wird es – wenn nicht ein kleines Wunder geschieht – ihr letztes Weihnachtsfest sein. Aus der Scheune kommen die beiden Musiker herüber, mit Geige und Akkordeon ziehen sie musizierend von Zimmer zu Zimmer. Ich setze mich noch ein wenig zu denen ans Bett, die niemanden mehr haben. Rede, schweige, summe eine Melodie. Oder halte einfach nur eine Hand.

Als ich gegen zehn Uhr wieder hinaus und vor die Scheune komme, hält Uwe eine Zwei-Kilo-Panettone in der einen und einen Weihnachtsstern in der andern Hand. Typisch Uwe. Er packt seine Geschenke immer sofort aus. Karsten öffnet heute höchstens noch das vierte Zigarettenpäckchen, die Gaben bleiben zu, bis er „hinterm Parkhaus Platte macht“. Alex, der schlimme Finger, wuselt um die beiden herum und zitiert aus Harry Potter. Mit gelben Fingern winkt Karsten ab. „Halt endlich die Klappe, Grünschnabel, das is nix für mich.“ „Aber das ist spannend“, empört sich Alex „da hören sogar die aus Afrika und von der Türkei besser zu wie Du! Und die Zigaretten machen Dich bald tot“.

Gut, dass man im finstern Regen mein Schmunzeln nicht sieht. Und dass mich Uwe nicht im Tageslicht so ungelenk umarmt. Der Gedanke an seinen weniger frischen Vollbart und die speckige Kleidung genügt. Aber bei allem weiß ich: Er hat den Abend genossen, und er war wichtig für ihn. Wir für alle andern auch, die da waren. „Danke ganz doll. Wir kommen wieder, Mädel“, sagt er, und damit meint er nicht Karstens Hund. „Und bleib mir ja gesund“, ergänzt Karsten, „das ist nämlich das Wichtigste vom Leben“.

Ja, mache ich. Ich versuch’s zumindest 🙂 Ab Mitternacht. Denn bis dahin heißt es aufräumen. Erst dann kehrt auch für die Ehrenamtlichen etwas Besinnlichkeit ein. Doch bei aller Arbeit: Es war wieder schön! Und ich wollte all die Menschen, ihre witzigen, traurigen, skurrilen und auch haarsträubenden Geschichten nicht mehr missen.

Bis nächstes Jahr!

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