Im Grunde war der Tag schon gelaufen, bevor ich überhaupt eine Chance hatte, den linken Fuß unter der Bettdecke hervorzustrecken, geschweige denn mit selbigem zuerst aufzustehen.

Statt meines Weckers katapultiert mich ein Presslufthammer aus dem Bett – weil die Stadt meint, um sieben Uhr früh einen lockeren Pflasterstein unter meinem Schlafzimmerfenster austauschen zu müssen. Mit verklebten Augen tappe ich ins Bad – und meine nackten Zehen in einen Haufen Katzenscheiße. Nein, ich bin nicht böse auf meinen Kater. Er ist krank, und ich muss auch gleich los und seine Medikamente holen. Den Spuren nach, die sich quer über die Fliesen ziehen, war er auch wirklich bemüht, sein Klo zu erreichen.

Ich schrubbe also, begleitet vom Dröhnen der Pflastersteintauscher. Vermutlich höre ich auch wegen Letzterem nicht, dass die Kaffeemaschine ein lautes und wohl auch letztes Zischen von sich gibt. Dass ich meine Lieblingsmarmelade fallen lasse und die klebrige Schwarze-Johannisbeer-Masse sich scherbendurchsetzt auf dem Küchenboden verteilt … Wäre ja fast schon komisch gewesen, wenn nicht. Ich schrubbe wieder.

Die nächste Stunde passiert tatsächlich nichts, und die schmale Hühnertreppe in dem alten Häuschen gehe ich vorsichtshalber weder hinauf noch hinunter. Setzt mich nur an meinen Schreibtisch. Wo auch nichts passiert. Keine neue Idee, kein alter Einfall. Außer, dass ich ja zur Apotheke muss wegen dem Kater. Ich gehe los. Bis zu dem Schild „Wegen Trauerfall bis 14 Uhr geschlossen“.

Um 14 Uhr bin ich zurück. Und lese „Wegen Trauerfall heute geschlossen“. Ich blinzle. Schüttle den Kopf. Gehe zu einer andern Apotheke. Die dunkel getäfelte mit dem Pharmazeuten, der immer zehn Minuten braucht, bis er müde lächelnd aus dem Hinterzimmer kommt, wo er tagein, tagaus mit seiner Wasserpfeife zugange ist und dann weitere zehn Minuten benötigt, bis er die richtige Schublade gefunden hat. Heute findet er sie überhaupt nicht. Zu Hause trete ich in Katzenkotze.

Ich stopfe den kleinen Teppich in die Waschmaschine. Keine Lust mehr auf Schrubben von Hand. Die Maschine blinkt und piepst. „Error C4“. Der Wärmetauscher. Beim Ausbauen passiert nichts. Beim Saubermachen auch nicht. Beim Einbauen … auch nicht. Irgendwas ist faul, denke ich und setze mich an den Schreibtisch. Texte was über Zahnfleischtaschen und den Höhenabbau des Knochens, als die SMS kommt. Was denn jetzt morgen sei. Feiertag, Biergarten und so.

Feiertag? Ich renne zum Kühlschrank: Margarine, ein hartes Stück Käse, ein Glas Oliven. Blicke in den Brotkasten: ein vertrockneter Knust. Schaue auf die Uhr: 16 Uhr 50. Kein Grund zur Panik. Ich schreibe einen Zettel. Ganz oben steht „Johannisbeer-marmelade“. Vor der Haustür treffe ich Frau R. Frau R. wohnt zwei Häuser weiter, ist siebenundsiebzig, klein, krumm und kehrt mit Vorliebe das Pflaster vor anderer Leute Haustür. Und das so lange, bis jemand herauskommt. Ihre Spezialgebiete sind die Borsten und deren Dichte von Straßenbesen, der Schrebergarten ihrer Schwiegertochter und das, wobei sie selbige und ihren Sohn dort mal erwischt hat. Am hellichten Tag des Herrn!

Über eine Stunde später haste ich durch die Gänge des Supermarktes. Innen gibt’s ungefähr tausend verhungerte Drängler. Dafür keinen Salat und keine Karotten mehr. Keine Karotten ist für mich wie kein Schlaf. Folter. Folter Nummer zwei: keine roten Äpfel. Ich kaufe zwei Pfirsiche. Löslichen Kaffee, weil ja die Maschine … und sehe K. hinter dem Regal auftauchen. K. strahlt. K. findet mich total super, ich ihn aber nicht. Ich nicke und hetze – demonstrativ in Eile – zur Käsetheke. K. lehnt sich an die Truhe mit den Tiefkühlpizzas und starrt herüber. Ich packe den Käse ein, sage im Vorbeigehen: „Du, ich hab grad echt überhaupt keine Zeit …“ und flüchte Richtung Kasse. An einer steht tatsächlich nur ein Mann, überall sonst lange Schlangen.

Ich atme auf. Und merke erst da, dass der Mann, Typ Rechtsanwalt im Nadelstreifen, auf die dicke, dunkelhaarige Kassendame einschreit: „Das ist mir scheißegal.“ Er schwenkt seine EC-Karte. „Die Karte funktioniert!“ Die dicke Dunkle flüstert „nein.“ „Sie machen das jetzt noch mal!“, ruft der Typ. Sie versucht es vergeblich. „Wollen Sie mir etwa erzählen, dass nur an Ihrer Kasse meine Karte nicht geht?“ Er macht eine ausladende Bewegung über die anderen Kassen. Die Dunkle murmelt: „Sie geht nicht, ehrlich nicht, ich –“ Er reißt ihr die Karte aus der Hand. Von nebenan sagt eine andere Kassiererin zu mir: „Das geht schon seit einer Viertelstunde so, kommen Sie lieber zu mir herüber.“ Der Typ grinst süffisant: „Sie können ja gerne den Filialleiter holen, meine Damen.“ „Gute Idee“, sage ich und wende mich laut an die dunkelhaarige Kassiererin: „Sagen Sie mir, wo ich ihn finde? Ich gehe gern für Sie hin.“ Ich lächle den Typ an und winke dann bekräftigend Richtung Laden – wo gerade K. auf uns zukommt. Sofort strahlt er.

O bitte, nein! Rasch drehe ich mich wieder zu dem Typ und der Dunklen. Sein Grinsen ist verschwunden. Er zieht eine Lederbörse hervor und knallt einen Hundert-Euro-Schein hin. Die Dunkle öffnet und schließt den Mund. Der Typ geht. „Was für ein Scheißtag“, sagt sie, als ich meine Sachen aufs Fließband lege. Die Marmelade habe ich vergessen. Direkt hinter mir steht K., die Mundwinkel nach oben gezogen. Ich nicke: Ja, Scheißtag. „Sammeln Sie Treuepunkte?“, fragt die Kassierein. „Nein. Aber wissen Sie was: Schenken Sie sie einfach dem Herrn nach mir.“

Ich wünsche allseits eine frohe Himmelfahrt!

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